Die Schuld ist ein tief im menschlichen Bewusstsein verwurzeltes Gefühl. Sie entsteht nicht nur aus Verstössen gegen Gesetze, sondern auch aus inneren Erkenntnissen, wenn jemand etwas Unwiederbringliches getan hat. Im 19. und 20. Jahrhundert ist das Thema Schuld ein zentrales Motiv in der Literatur. Schriftsteller wie Franz Kafka und E. T. A. Hoffmann stellten dieses Thema in den Mittelpunkt ihrer Werke. Dabei wird Schuld nicht als äusserliches Vergehen verstanden, sondern als innere psychische Realität. In jedem Werk wird die Schuld unterschiedlich, jedoch auf komplementäre Weise dargestellt: Kafka zeigt sie als irrationelles Unbewusstes, das die Wirklichkeit übersteigt und sogar metaphysisch interpretiert werden kann, während Hoffmann die Schuld aus psychologischer Angst entwickelt.
In Kafkas „Das Urteil” wird Schuld zum existenziellen Zustand, dem niemand entkommen kann. Georg Bendemann erlebt plötzlich die Verurteilung durch seinen Vater: „Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!” (S. 60). Diese Szene offenbart eine Schuld, die schon immer existierte, jedoch zuvor unbewusst war. Als Georg sich aus dem Zimmer gejagt fühlt (S. 60), wird er vom Subjekt zum Objekt, der der Macht seines Vaters unterworfen ist. Psychologisch interpretiert, symbolisiert der Vater das Über-Ich. Durch den Tod verliert Georg seine Selbstständigkeit und unterwirft sich vollkommen der Kraft seines Vaters. Kafkas Schuldbegriff bleibt irrational, spiegelt jedoch die universelle Angst des modernen Menschen wider, allein durch seine Existenz schuldig zu sein. Georg fühlt sich unzulänglich und schuldig, weil sein reales Selbst nicht mit den Erwartungen seines Vaters übereinstimmt: „Ich brauche dich nicht” (S. 58) und „du hast noch die Kraft, hierher zu kommen” (S. 58). Die Diskrepanz zwischen Georgs Ego und dem imaginären Bild seines Vaters erzeugt eine Existenzschuld. Die Darstellung zeigt keine Erlösung, sondern Unterwerfung – ein Kontrast zu Dostojewski, der Hoffnung zulässt. Kafka lässt offen, ob der Mensch auch unschuldig sein kann. Heute erleben Menschen Schuld oft nicht als Folge einer Tat, sondern als inneren Druck oder Gefühl der Unzulänglichkeit, wie bei Georg.
In Hoffmanns „Der Sandmann” wird Schuld aus psychischer Angst konstruiert. Für Nathanael repräsentiert der Sandmann das Böse, verkörpert durch Coppelius, der seinen Vater, einen guten Menschen und Chemiker, zu ermorden scheint. Vater und Coppelius bilden gemeinsam das Imago-Bild des Vaters. Nathanael fühlt sich verantwortlich für den Tod seines Vaters und überträgt die Bedrohung später auf Coppola, die Verkörperung des bösen Vaters. Durch diese innere Schuld wird die Realität für ihn unscharf, und er entwickelt zunehmende psychische Probleme bis zu seinem Tod. Bei Hoffmann ist Schuld somit nicht moralisch wie bei Kafka, noch religiös wie bei Dostojewski, sondern psychologisch fundiert.

In beiden Werken ist Schuld kein Resultat äusserer Umstände, sondern ein Produkt der inneren Welt, der Seele. Sie zeigt das Bild des Menschen: nicht frei von Schuld, aber fähig, Verantwortung zu übernehmen. Dennoch bleibt die Frage offen: Ist Schuld eine zerstörerische Kraft oder kann sie den Menschen leiten? Hier könnte Dostojewskis Perspektive aus „Schuld und Sühne” auf moralischer und religiöser Ebene eine interessante Ergänzung sein, da er die Möglichkeit der Sühne und inneren Erlösung thematisiert.
Das Buch << Sandmann >> von E.T.H. Hoffmann
Die Kurzgeschichte << Das Urteil >> von Franz Kafka